Unten am Fluß

Ich hab mal geschrieben “der Reisende ist wie ein Kind”. Alles ist neu, man endeckt und erkundet, man ist verblüfft, verzaubert, schockiert, verwundert, überrascht. Es ist ein gewaltiges Abenteuer und mein Erlebtes erscheint mir wie ein wahnsinns Traum, völlig surreal.

Aber: Je länger ich reise, desto mehr komme ich aber auch zu der Erkenntnis, dass es unsagbar gefährlich ist, sich dieser infantilen Rolle so maßlos hinzugeben. Reisen wird zu einer wunderschönen Sucht, der man nicht entkommen will oder kann. Schon alleine die Tatsache überhaupt wieder ein bisschen Kind sein zu dürfen ist extrem verführerisch. Aber vor allem das völlige Ausblenden jeglicher Verantwortung des Erwachsenenlebens – der Zukunfsängste, Träume, Wünsche, Ambitionen oder einem gesunden Druck, dem man naturgemäß ausgesetzt ist. Das reale Leben eben. Wie soll man sich nach so einer langen Zeit jemals wieder einfinden, in Ordnung, Gesellschaft und den sozialen Strukturen? Wie soll man wieder arbeiten, konzentriert und ohne permanente Remineszenz an Vergangenes? Mit stetigem Fernweh, das einem den Blick für das naheliegende Glück verwehrt.

Auch die Dosis muss stetig immer weiter erhöht werden. Ein Phänomen, dass eigentlich nur Junkies kennen. Man kann sich nicht mehr so leicht zufrieden geben: anstatt einfach nur glücklich zu sein, mit den Dingen die man erleben durfte, wächst die Angst all das zu verpassen, was man noch nicht gesehen hat. All die Menschen Momente und Orte, die dort draußen sonst noch sind. Die Liste an Ländern wächst, sie schrumpft nicht. Mit jedem Ort den man sieht, kommen fünf neue Wunschziele dazu. Wie soll man das alles je bewerkstelligen? Wie nimmt man sich die Zeit und woher das Geld? Die Welt ist so groß und schön, andere Träume rücken in den Hintergrund. Was ist real? Familie, Freunde, Job? Reisen? Was hat mehr Daseinsberechtigung und wann kann man den Schlussstrich ziehen? Man verliert sich.

Wer suchtgefährdet ist, wird durch das Backpacken in einen gefährlichen Strudel gezogen. Und selbst mit konkreten Zukunftsplänen nach einer solchen Reise, ist der Ereignishorizont groß genug um ins Straucheln zu geraten.

Apropos Strudel; an der Grenze zwischen Brasilien und der Nordspitze Argentiniens gibt es einige davon. Genauer gesagt in Iguazu, einem Weltnaturerbe und einem der wassereichsten Wasserfälle der Welt. Auf der argentinischen Seite mache ich es mir drei Tage in Puerto Iguazu gemütlich. Erst im Marcopolo Inn, dann im Hostel Inn. Das Hostel Inn ist schöner und größer, liegt allerdings etwas außerhalb des Zentrums, während das Marcopolo Inn direkt gegenüber vom Busterminal steht. Jedenfalls lasse ich mich nicht lumpen und buche gleich für den nächsten Tag die volle Tour: erst mit dem Jeep durch den subtropischen Nationalpark, vorbei an bis zu 30 Meter hohen Bäumen. Dann mit dem Boot auf dem Fluss ganz nahe an die Fälle heran. Man steht quasi unter der gewaltigsten Dusche aller Zeiten. Dann zu Fuß weiter, die vielen künstlich angelegten Metallkorridore entlang, um die Wassermassen aus jedem erdenklichen Winkel sehen und fotografieren zu können. Beeindruckend fasst überhaupt nicht richtig, was man empfindet, wenn man solch einer erhabenen Naturgewalt gegenüber steht.

400 verschiedene Schmetterlingsarten hat der Nationalpark noch zu bieten, und man wird an allen Ecken und Enden auch daran erinnert: überall schwirren die Farbenfrohen Insekten unkontrolliert herum und so manches Mal lassen sie sich auf der ausgebreiteten Fingerspitze nieder. Aber auch Tiere aus der Waschbären-Familie begegnet man zuhauf – eigentlich darf man sie ja nicht füttern, den meisten Touris ist das aber egal. Und wer nicht aufpasst wird ungewollt Opfer der Fressattacken der gewieften kleinen Nager. Sie schleichen sich ganz lieb an und springen dann aus heiterem Himmel auf jedwede Nahrungsmittel. Mit dem Zug kommt man gratis außerdem von einem Ende zum anderen und kann sich zum Teufelsschlund begeben, dem Highlight der Wasserfälle: hier stürzen die Wassermassen U-förmig in die Tiefe und hinterlassen eine gewaltige Gischt. Regenbögen sind hier natürlich vorprogrammiert und somit gang und gäbe. Um sechs macht der Park zu – bis dahin hat man allerdings längst alles gesehen und kann neben die argentinische Seite einen Haken setzen. Von vielen habe ich übrigens gehört die brasilianische sei nicht interessant. Das kann ich nicht unterschreiben. Die Fotos waren nicht minder sensationell und man bekommt einen viel besseren Überblick über die Wasserfälle.
Sonst kann man am Hotelpool super chillen und abends im
Ortszentrum der Kleinstadt prima essen gehen, bevor es ein paar Tage später nach Sao Paulo weitergeht.

Hier bin ich nun. Mehr dazu, ein ander Mal!

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One Comment

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  1. Schöner Beitrag. Was Du über die Schwierigkeiten schreibst, sich nach einer Reise wie Deiner wieder in ein normales Leben ein zu finden und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, das kann ich voll und ganz unterschreiben. Reisen ist auf gewisse Weise auch eine Flucht.

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