Wer reist, bewegt…

Erstmal: bin jetzt bei findpenguins.com, wo man meine Reise interaktiv auf eine Karte verfolgen kann. Habe daher in der horizontalen Navigationsleiste den neuen Punkt “followmyfootprints” eingebaut, wo ihr einen Direktlink zu meinem Profil findet. Ich habe noch nicht alle Details vervollständigt, aber für einen ersten guten Überblick reicht es allemal.
Habe bei “Tipps & Info” außerdem den Punkt drei, “prepare mentally”, ausgebaut und bei “Über mich” noch ein paar Beweggründe für meine Reisen eingefügt. Wie war ich doch fleißig.

Nun zu Aktuellem: Auf der Karte sehen manche Dinge so nah beieinander aus – in Wirklichkeit fährt man dennoch rund 13 Stunden von La Paz nach Sucre. Klar, dass ich hier den Nachtbus nehme und mich auf meinen “Cama”-Sessel (also einem komplett horizontal verstellbaren Sitz) freue um etwas schlafen zu können. Auch klar, dass das mit dem Schlafen nichts wird: vor mit sitzt Mutter, Oma und Kleinkind, mit Betonung auf dem Kind. Das ist nämlich nicht müde zu kriegen, wird von der Mutter sogar noch ermutigt und verwandelt die Busfahrt in einen Höllentrip. Oh man, was lieben wir Kinder im Bus/Flugzeug/Kino/Ikea.

Licht am Ende des Tunnels bringt allerdings buchstäblich Sucre: Die weiß glänzende Hauptstadt im Kolonialstil erinnert mich direkt an Städte wie Antigua oder Arequipa und ich fühle mich sofort wohl. Ich beschließe hier ein paar Tage zu chillen, bevor ich weiter in den Süden reise. Außerdem muss ich mich noch ein bisschen von meinem Unfall erholen…

Welcher Unfall? Och nix Besonderes, ich bin nur mit dem Fahrrad entlang der Death Road nahe La Paz etwas gestürzt. Eigentlich wird die Death Road etwas überhyped in puncto Schwierigkeit und Gefahr: Die gefährlichste Straße der Welt (zumindest für Kraftfahrzeugfahrer) ist nur so gefährlich, wie man es sich macht. Sprünge irgendwelche “Schanzen” entlang gehören nicht zum Programm. Aber ich wollte ein bisschen Nervenkitzel. Aufgerissene Handballen und eine dicke Lippe sind das recht harmlos ausgefallene Ergebnis des Übermuts.

Drei Tage später fühle ich mich bereit weiter zu ziehen. Ich will ja schließlich noch zu den Salzwüsten. Also begebe ich mich zum Busterminal und buche für zwei Euro eine vierstündige Fahrt nach Potosi, einer Zwischenstation auf dem Weg. Bevor es allerdings los geht, werden wir im Bus wie immer von zahlreichen Verkäufern belagert, die Zeitungen, Eis, Getränke oder sonstigen Schmarrn im Angebot haben, den man vorher üblicherweise einfach in Ruhe vor der Abfahrt schon gekauft hat. Sonst ist die Fahrt diesmal sehr angenehm und man blickt permanent in die atemberaubende Natur Boliviens. Mein Gott, wir freuen uns, wenn wir mal nen Hirsch sehen – hier wildern die Llamas, Alpacas und Vicuñas im ganzen Land umher. Saucool.

Was ich aber beim besten Willen einfach nicht begreifen kann: die Einheimischen glauben überwiegend an Pachamama, also an Mutter Erde (in anderen Kulturen Gaya genannt) und verehren ihre Göttin trotz ihrer gleichzeitigen Zugehörigkeit zum Christentum wie schon vor Jahrhunderten, opfern und beten zu ihr. Trotzdem behandeln sie ihre Mutter Erde im wahrsten Sinne des Wortes wie Müll: gerade in Potosi zum Beispiel, einer Kleinstadt, die sich ausschließlich dank der gewaltigen Mine im hiesigen Berg gerade so über Wasser hält, ist der Glauben besonders erhalten geblieben. Auch und gerade wegen der Arbeiten unter Tage und der entsprechenden Abhängigkeit des Willens Mutter Erde. Und ausgerechnet hier habe ich bis dato die größte Ansammlung von Müll in ganz Südamerika beobachtet. Überall, aber vorzugsweise nahe der Mine, findet man Plastiktüten, Flaschen und weiß der Geier was nicht alles verstreut. Schade.

Die Mine kann man übrigens besuchen. Genau genommen ist das der einzige Grund, warum man überhaupt einen Fuß nach Potosi setzen sollte. Das habe ich natürlich auch prompt getan und eine Tour bei “Big Deal Adventures” gebucht, der einzigen Agentur deren Guides auch ehemalige Minenarbeiter sind.
Jetzt muss man allerdings im Vorfeld sagen, dass der Tourismus in den Minen zum Großteil durchaus vom Elend der Minenarbeiter und der Sensationslust der Besucher profitiert. Fairer Weise bringt man deswegen Geschenke mit, beispielsweise Coca-Blätter (quasi der Energy-Riegel für Südamerikaner), Orangensaft oder Dynamit. “Dynamit?!”, fragt ihr? Yes. Wir haben vor der Tour kurz angehalten und einfach Mal ein paar Stangen gekauft. Das ist hier leicht und ohne Lizenz zu kriegen, außerdem kostet eine Stange umgerechnet zwei Euro. Die Arbeiter freuen sich als wäre es Weihnachten, als wir in der Mine alle paar hundert Meter unsere Geschenke verteilen. Für sie ist es ein Knochenjob; die körperliche Zermürbung ist jedoch nichts gegen die chemischen Gefahr, der sich die offiziell zwischen 18- und 55-Jährigen (inoffiziell fangen die Jungen schon mit neun Jahren an) jeden Tag, manchmal in Doppelschichten aussetzen. Permanent atmen sie giftige Dämpfe ein, auch der Staub ist allgegenwärtig und durchzieht die Luft in den stockdunklen, schmalen Schächten. Als Minenarbeiter stirbt man in der Regel tatsächlich einfach Jahre früher – immer in der Hoffnung Glück zu haben und eine wertvolle Mineralien-Vene zu treffen. (Silber, Blei und Kupfer sind dabei die relevantesten Rohstoffe.) Und Glück haben die Wenigsten. Während ich die vielen Informationen nochmal geistig Revue passieren lasse, zwänge ich mich mit meinen 187 cm durch die schmalen Schächte – eigentlich laufe ich permanent gebückt. Definitv kein Job für Europäer… Immer wieder begegnen uns Arbeiter, die Mal mit Rollwägen ihr Erarbeitetes über Tage fördern, Mal tragen sie die Säcke mit bloßen händen Kilometer weit durch den Berg. Wir staunen Bauklötze. Immer wieder stellt unser Guide, der selbst 21 Jahre in der Mine verbracht hat, den ehemaligen Kollegen persönliche Fragen. So manches Mal wird’s daher emotional. Nach einigen Stunden in der Mine gibt es endlich wieder Tageslicht und wir fahren etwas bedrückt zurück in unsere Hostels. Die Menschen haben hier einfach keine Alternative, keine andere Perspektive. Haben wir’s gut! Das wird einem hier tagtäglich aufs Neue bewusst.

Am Folgetag geht es für mich weiter: Uyuni ruft! Mehr dazu in der nächsten Ausgabe.

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