Where the wild things are

Die tief stehende Sonne wirft lange Schatten über die dicht bewachsenen, großflächigen Moosfelder. Alle paar Kilometer steigen schwere weisse Dampfwolken aus der Erdkruste empor. Fährt man im Fahrzeug entlang der berühmten Ringstraße die Südküste entlang Richtung Osten, wechselt die Landschaft im Minutentakt ihr Gesicht: gerade noch in der mit Felsen übersähten Tiefebene, wird die surreale Mondlandschaft von steil abfallenden, grünen Hochplateaus abgelöst: Allenorts fallen kleine Flüsse und Bäche der Schwerkraft zum Opfer, schmale und teils gigantische Wasserfälle bahnen sich ihren Weg zum Meer. Die vielen trockenen und fließenden Spurrinnen sind entweder Zeugnis ehemaliger Gletscheraktivität oder kanalisieren den starken Regen nach unten. Plötzlich ragen gewaltige Gletscherzungen aus dem Hochland gen Süden und machen es mir unmöglich den phantastischen Blick auf das Meer zu genießen – ich richte meine Aufmerksamkeit also wieder auf meine linke Flanke und beobachte, wie sich die Eismassen ihren Weg um die steinigen Berkkuppen herum bahnen.

So wechselhaft die Natur selbst schon ist, so schizophren gibt sich das Wetter: mit absoluter Unmöglichkeit lässt sich absehen, wie Petrus die nächsten Minuten für uns gestalten möchte. Gerade noch sonnig, die Klimaanlage auf Hochtouren warten um die Ecke von Nebelschleiern überdeckte Hügel, Regen und Wind. Nachts sorgen die durch die dicken und äußerst tief hängenden Wolkendeckenden gedämpften, schräg einfallenden Sonnenstrahlen für eine völlig surreale Lichtstimmung – von rosarot bis lilablassblau taucht das Auto immer wieder von Neuem in den mystisch gefärbten Horizont.

Vorbei an Orten wie Hella (gesprochen Hefhtla, alles andere wär ja auch zu einfach), Hvolsvöllur, Landeyjah oder Seljalandfoss (bei der Endung “Foss” kann man immer davon ausgehen, dass hier ein netter Wasserfall in der Nähe ist). In Seljalandfoss kann man übrigens hinter den Wasserfall gehen, was eine völlig neue Perspektive offenbart. Es geht weiter nach Skógar zum nicht nur netten, sondern wirklich extrem netten gleichnamigen Wasserfall, bis nach Vik: Das für seine pechschwarzen Vulkanstrände berüchtigte Dorf steht seinem Ruf in Nichts nach und lädt fast schon zum Baden ein – wenn die Brandung und der Wind nicht pausenlos schreien würden “kaaaaalt, kaaaaalt”.

Endlich kommt man nach Skaftafell – einem Ort, der eigentlich keiner ist (obwohl auf der Karte durchaus als solcher eingezeichnet, stiften die großen Buchstaben wieder einmal etwas Verwirrung. Merken: große Buchstaben auf der Karte bedeuten rein gar nichts. Zum Supermarkt sollte man daher zum
Beispiel immer, wenn man gerade einen sieht). Vielmehr findet man hier einen Campingplatz, ein kleines Touristenbüro und zwei Anbieter für Gletschertouren vor. Nicht umsonst habe ich meine Gletscherausrüstung mitgenommen, also geht es am nächsten Morgen von hier aus zu einem Ausläufer des nahegelegenen Vatnajökulls.
Die weiß-grau schimmernden Gletscherspalten zieren schon von Weitem den Anblick der hyperaktiven Zunge, die im Laufe des letzten Jahrhunderts ebenfalls um mehrere 100 Meter an Länge und in einer Zeitspanne von 5 Jahren mancherorts etwa drei Meter an Höhe verloren hat. Da soll nochmal einer sagen es gäbe keinen Klimawandel… Der als Mittelschwer gekennzeichnete Anstieg erscheint mir nach Ecuador wie der reinste Kindergeburtstag, auf Eis gehen und klettern macht hier einfach einen Heidenspaß. Große Spalten zu meiner Rechten und Linken pflastern meinen Weg, überall plätschern kleine Wasserströme den Hang herab, bilden unterirdische Tunnel. “Wo ist hier der Gullideckel?”, frage ich mich, als ich versuche das tief fallende Plätschergeräusch zu orten. Wer durstig ist, kann hier seine Flasche problemlos in die Spurrinne halten und erfrischendes, maximalsauberes Gletscherwasser einfüllen. Und auch geschmacklich spielt das Wasser hier oben in der Championsleague. Wer in Island für Wasser bezahlt ist einfach ein Depp – das wächst hier wirklich überall auf Bäumen. Natur pur. Auf dem Weg nach unten wandert der Blick vom Eis weg auf die grün bedeckte Küstenebene von Skaftafell. Was für ein Trip. Es geht weiter.

Auch Jökulsárlón disqualifiziert sich als “Ort” völlig (außer das stille Örtchen ist das hier geltende Kennzeichnungskriterium?), dafür bekommt man ein einzigartiges Naturschauspiel zu sehen: Dort, wo einst noch der riesige Gletscher ins Meer hinein ragte, hat sich im Zuge der Schmelze im Laufe von 100 Jahren eine recht große Lagune gebildet. Die kann man sich heute anschauen und ist deswegen interessant, weil sich vom Gletscher abbrechendes Eis hier ansammelt um sich binnen weniger Jahre endlich dem unausweichlichen Schicksal zu fügen: das einströmende Salzwasser fördert den Schmelzprozess und zieht die Eisbrocken in die Bucht, wo sie von der gnadenlosen Brandung weiter zermürbt werden und schließlich zerfallen. Im Amphibienfahrzeug oder im Schlauchboot kann man hier ganz nah an die türkisblau schimmernden Eisberge heranfahren. Ab und an grüßen die hiesigen Robben recht freundlich (in dem sie den Kopf aus dem Wasser ragen und uns komplett ignorieren), und auch Möven gibt es hier zuhauf. Spannendes Ambiente, inmitten der Bucht an den Eisschollen vorbei zu tuckern, zu hören, wie sie brechen oder sie sich kippen, weil sie durch die Schmelze permanent ihren Schwerpunkt verlagern. Man darf an Board sogar mal ein Stück Eis probieren. Es schmeckt köstlich.
Bemerkenswert ist, wie klar die Eisklumpen hier sind: der extreme Druck im Gletscher presst das gefrorene Wasser so stark zusammen, dass kaum Luft eingeschlossen wird. Glasklares Eis ist das Ergebnis.

Der Trip führt mich bis an den entlegensten Gipfel der Ostküste. Hier gibt es absolut nichts zu sehen. Also drehe ich um. Das nächste Abenteuer wartet schon: der Trek von Skógar nach þorsmórk.

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